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Ästhetische Begriffe sind nicht hundertprozentiges Ergebnis logischer Überlegungen, sondern fußen stark auf sinnlichen Erfahrungen. Diese sinnlichen Erfahrungen sind mitunter schwerlich in exakte Kategorien zu fassen und auch nicht problemlos kommunizierbar – ihnen haftet etwas Verschwommenes, Dunkles, Unklares an.
Ich möchte eine Annäherung an die Ästhetik vornehmen und mit Blick auf die
chinesischen Schriftzeichen das Konzept von den 5 Sinnen der klassischen
chinesischen Philosophie erklären.
Die chinesische Schrift basiert in ihrer ursprünglichen Form auf Piktogrammen und ist die älteste heute noch in Gebrauch befindliche; ähnliche alte Schriftsysteme wie das der Sumerer oder Ägypter sind längst vom Staub der Geschichte begraben und teilen sich uns nicht mehr unmittelbar mit. Auch die chinesische Schrift hat in den 3000 Jahren ihrer Existenz mannigfaltige Veränderungen und Wandlungen erfahren, existiert in ihren Grundzügen jedoch bis heute. Bei meinen Betrachtungen zu den ursprünglichen Bedeutungen einzelner Begriffe möchte ich auf die früheste Schriftform Bezug nehmen, so wie sie uns in den Orakel-weissagungen der Shang-Dynastie entgegentritt.
Wenden wir uns zuerst dem Hören zu. Das Zeichen „er“ für Ohr lässt noch recht gut in der piktographischen Gestaltung die Grundbedeutung erkennen. (Zeichen 1). Schauen wir uns nun das Zeichen „wen“ an (Zeichen 2): Wir erblicken einen
knienden Menschen, der eine Hand ans Ohr hält, um besser zu hören. Ein Mensch, der die Ohren spitzt, die zu hörende Nachricht - der Schall, dargestellt durch drei Linien, die sich auf das Ohr zu bewegen: „wen“ bedeutet ursprünglich „aufmerksam zuhören.“ Bei der späteren Zeichenversion ist ein Ohr dargestellt, welches sich an den Türspalt presst. Bei dem Zeichen „ting“ (Zeichen 3) wiederum findet sich auf der linken Seite ein Ohr und auf der rechten Seite ein Mund abgebildet – symbolisiert wird das soeben Gehörte, das den Mund eines anderen verlassen hat. Beschrieben werden mit den beiden Zeichen also unterschiedliche Formen und Intensitäten des Hörens: „ting“ steht für den Empfang eines akustischen Signals, „wen“ hingegen für das aufmerksame, teilhabende, verstehende Hören.
Ähnlich verhält es sich mit allen Vorgängen des Sehens. Auch hier ist das Zeichen „mu“ eine abstrahierte bildliche Umsetzung des Auges (Zeichen 4). Im Zeichen „zhi“ (Zeichen 5) findet sich das Element „Auge“, über welchem eine waagerechte Linie verläuft. Gemeint ist ein gerader Blick, ohne alle Kurven und Abbiegungen, und damit auch in der Bedeutung von „gerader, offenerCharakter“.
Beim Zeichen „jian“ (Zeichen 6) begegnet uns ein am Ufer kniender Mensch, der
nach unten sieht. Der Blick ins Wasser als der Blick auf sich selbst und dann auf die Umgebung.
Beim Zeichen „xian“ (Zeichen 7) befindet sich auf der linken Seite ein Berghügel, auf der rechten ein großes Auge: Ein Mensch lässt den Blick in die weite Ferne schweifen, wo er allerdings durch eine Bergkette behindert wird – das Zeichen „xian“ bedeutet „Begrenzung“.
Das Zeichen „kan“ (Zeichen 8) heißt „blicken“ und ist im oberen Teil konstruiert aus dem Graphem für „Hand“, im unteren für „Auge“: Gezeigt wird ein Mensch, der die Hand schützend gegen die gleißende Sonne über der Augenpartie hält und konzentriert in die Ferne blickt.
Auch im Zeichen „xing“ (Zeichen 9) begegnet uns im unteren Teil das Graphem
„Auge“, darüber befinden sich drei Linien, die die Blicke andeuten, die geschäftig das Terrain abtasten. Die Grundbedeutung lautet hier „sich einen Sachverhalt genau vor Augen führen, etwas genau abwägen“.
Wenden wir uns den Gefühlen und Gedanken zu. „Xin“, das chinesische Zeichen für „Herz“, kommt einer anatomischen Ansicht des Organs sehr nahe. (Zeichen 10) Im Altertum betrachteten die Menschen das Herz als den Sitz von Gefühlen, von wo aus Regungen zum Ausdruck gebracht wurden. Interessant ist hier ein Blick auf das Zeichen „si“ „denken, nachdenken“ (Zeichen 11). Im oberen Teil befindet sich das Gehirn eines Säuglings, im unteren das Herz. Im Altertum meinte man, dass die Kontraktionen des Gehirns eines Säuglings im gleichen Takt wie die Herzbewegungen erfolgen. Sowohl Gehirn als auch Herz wurden daher als Orte der geistigen Durchdringung angesehen – und erst in der Kombination der beiden wurde ein Nachdenken für möglich gehalten.
Sehr lebensecht wirkt auch „kou“, der Mund der Menschen bzw. das Maul von Tieren (Zeichen 12). Da über dieses Organ die Nahrungsaufnahme und die Sprache geregelt werden, nimmt es nicht Wunder, dass dieses Graphem als Grundzeichen (sogenanntes Radikal) in Tätigkeiten des Essens, Trinkens, aber auch sprachlichen Äußerungen und Lauten vorkommt. In der Zunge „she“ finden wir im unteren Teil wieder verständlicherweise die Zunge, oben sehen wir Speicheltropfen dargestellt, die beim Sprechen in alle Richtungen versprüht werden (Zeichen 13). Mit der Zunge können Geräusche gemacht, aber auch geschmackliche Unterschiede wahrgenommen werden. So treffen wir die Zunge wiederum in anderen Zeichenkombinationen an, so in Bedeutungen wie schmecken, lecken, süß u.a.
Aufschlussreich das Zeichen „hai“ „Schaden, Unheil“: wir sehen einen Mund mit
verkürzter Zunge: Unheil kann also durch falsche Übermittlung entstehen (Zeichen 14).
Das Zeichen „zi“ bedeutet ursprünglich Nase, ebenfalls ein wichtiges Organ im
Verständnis der traditionellen chinesischen Medizin. Da man im Altertum bei der
Erwähnung der eigenen Person gewöhnlich auf die Nase zeigte, hat sich die
Bedeutung des Zeichens gewandelt und heißt „selbst, eigen“.
Soweit ein kleiner Streifzug durch die Welt der chinesischen Schriftzeichen. Wie
gesagt, auch die chinesischen Schriftzeichen haben über die Jahrtausende
Veränderungen erfahren, und mitunter sind prägnante bildliche Darstellungen
Kürzungen zum Opfer gefallen. Dennoch kann festgestellt werden, dass den
chinesischen Schriftzeichen durch ihre graphische Komposition zum einen eine
tiefere semantische Aufladung anhaftet und sie zum anderen Assoziationen weiteren Raum lassen, als dies in Buchstabenschriften möglich ist.
Auf der Grundlage dieser Gedankengänge möchte ich auf das traditionelle
Verständnis der 5 Sinne zu sprechen kommen.
Geistige Grundlage ist die in der frühen chinesischen Philosophie verbreitete
Annahme der Existenz von 5 Wandlungsstufen, die jeweils ineinander übergehen
können und sich damit bezwingen. Diesen Wandlungsstufen sind die 5
Grundelemente zugeordnet: Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde. Der Überlieferung nach sollen diese durch die mythische Urgestalt, den Grossen Yu, auf dem Panzer einer Schildkröte entdeckt worden sein. Wenn man all diese Legenden außer Acht lässt, so muss festgestellt werden, dass es sich bei diesen 5 Elementen um Grundbausteine der chinesischen Philosophie handelt. Diese 5 Grundelemente durchziehen den gesamten Kosmos und finden sich als Entsprechungen in den zehntausend Dingen – also selbst in dem kleinsten Mikrokosmos - wieder. Zum Beispiel in den 5 Geschmacksrichtungen: Metall steht für scharf, Holz für sauer, Wasser für salzig, Feuer für bitter und Erde für süß. Oder etwa den Farben: scharf steht für weiß, sauer für blau, salzig für schwarz, bitter für rot und süß für gelb. Analog verhält es sich mit allen Zuständen, die nach ähnlichen Gruppierungen gereiht sind, u.a. auch die Töne der Musik (daher ist in klassischen China auch nur die Pentatonik bekannt).
Die fünf Zutaten hatten in der klassischen chinesischen Kochkunst ihren festen Platz und korrespondierten wiederum mit medizinischen Vorstellungen. Mit der
Verfeinerung der Kochkunst waren die Menschen in der Lage, die fünf Elemente
bewusster zu schmecken und ihrer Kombination zu genießen. Diese unmittelbare
empirische Erfahrung wirkte sich auch auf das Verständnis von Gesellschaft und
Politik aus. Wie die gekonnte Abstimmung eines Meisterkoches sollte es auch
möglich sein, analoge Rezepte für Gesetze, Vorschriften, Muster,
Handlungsanleitungen in Bezug auf das menschliche Miteinander zu finden.
Ausdruck höchsten Gelingens war das Ziel der Harmonie.
Geschmack wurde nicht nur als Stimulanz für körperliches und seelisches
Wohlbefinden, sondern auch als Triebfeder künstlerischen Schaffens, als
Voraussetzung für profunde Kritik verstanden. In der Songzeit, der Renaissance des Konfuzianismus ab dem 10. Jahrhundert, fand eine Systematisierung solcher
Geschmacksabstufungen in den verschiedenen literarischen Gattungen,
Schauspielkunst, Kalligraphie und Malerei statt. Unterschieden wurden z.B. folgende „Geschmäcker“ (wobei die deutsche Übersetzung nur einen ungefähren Eindruck vom Sinngehalt vermittelt): ein reiner, ein sentimentaler, ein von Lebenskraft durchströmter, ein geistiger, ein transzendenter, ein wilder, ein bedeutungsvoller, ein erregender, ein abstruser.... Im Altertum wurde versucht, eine möglichst perfekte Abstimmung der verschiedenen Elemente zu erreichen, wobei ein höchstmöglicher Genuss angestrebt wurde. Dieses Streben galt auch für die Ästhetik, für die Suche nach dem perfekten Ton, der perfekten Farbe...
Bei Laozi heißt es im 11. Kapitel des Daodejing: „Vollendete Musik ist tonlos, das
Universum ist ohne Gestalt.“ Was letztendlich bedeutet, dass perfekte Musik bereits so perfekt ist, dass man sie nicht hören kann. Das „Dao“ (in früheren westlichen Schriften taucht dieser Begriff zumeist als „Tao“ auf) wird als Urgesetz, als Urwirkkraft der zehntausend Dinge des Universums begriffen und bildet die
Grundlage für Natur, Gesellschaft, Kultur, Kunst usw. Das Dao offenbart sich in
seiner ursprünglichen Gestalt als „Nichts“, in den realen Dingen existiert es als seine eigene Verkörperung. Somit ist die Musik, die das menschliche Ohr vernehmen kann, nur eine Entäußerung wirklicher Musik, welche uns allerdings in ihrer Vollkommenheit unhörbar bleibt. All das, was wir sehen, riechen, fühlen, spüren können, bleibt somit „ein Schatten im Spiegel, die sich im Wasser spiegelnde Sonne“. Zum Wesen der Dinge dringen wir jedoch so nicht vor.
Doch wie gelangen wir nun zu ihr, der wahrhaftigen Welt?
In der klassischen chinesischen Philosophie gelten nicht die Dinge an sich als schön. Erst in ihrer Berührung durch die menschlichen Organe, durch den Kontakt mit Herz, Hirn, Augen, Ohren, Nase, Mund, Zunge werden sie zum Leben erweckt, werden Empfinden und Gefühle wachgerufen. Hierdurch wird „shan“, das Gute, hervorgebracht, welches mit dem Schönen korrespondiert. Das Schöne lässt sich dadurch erkennen, dass es eben keinen Schaden birgt, sondern Gutes – das Schöne ist das Wahrhafte, das Natürliche. Korrespondierende Gebilde, die in eine harmonische Abstimmung gebracht werden sollen, durchziehen alles: Mensch und Kosmos, Gesellschaft und Politik. So ist der Lauf der Jahreszeiten in der Abfolge Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mond und Wind, Wasser und Fische, Blumen und Vögel, Steine und Gräser, Käfer und welkende Herbstblätter, Instrumente und deren Klang – auch in jedem Mikrokosmos werden Beziehungen eingegangen, die nach Harmonie streben. Sie geben dem Menschen ein freies, sich ins Universum weitendes Gefühl, das ein Sich-Eins-Fühlen mit dem Großen Ganzen ermöglicht. Unaufhörlich sind die Dinge in Bewegung, lautlos, aus dieser Natürlichkeit wird eine vitale Lebenskraft gewonnen. Diese Freude stellt sich ein, nachdem man den Dingen wahrhaftig begegnet ist, sie befreit einen von allen Fesseln, vom verblendeten Erfolgsstreben, vom Korsett moralischer Normen – man taucht in die Welt der Freiheit ein.
Der daoistische Philosoph Zhuangzi meint, dass dem Menschen ein Streben nach
Freiheit anhaftet. Nur ein freier Mensch ist ein wahrhaftiger Mensch. Durch zu große Zugeständnisse an vermeintliche Zwänge, an die sogenannte Realität, entfremdet sich der Mensch von sich und seinem ursprünglichen Charakter und kann „tianle“, die himmlische, natürliche Freude nicht mehr erleben. „Tianle“ existiert als Sublimat in den zehntausend Dingen. Sie kann in komplexen Vorgängen des Hörens, Sehens, Spürens, Fühlens wahrgenommen werden und führt beim Zeitpunkt höchsten Erlebens zum Eintauchen in eine völlig ungebundene Welt, in die Welt des Individuellen; nach einer Art Urerwachen begreift man die ursprüngliche Reinheit der Natur. So betrachteten die Menschen des Altertums häufig belebte Szenen: am Himmel fliegende Vögel, sich munter im Wasser tummelnde Fische, die Wellenkämme auf dem Meer, die sprudelnde Quelle... Dabei lief ein Vorgang im Unterbewussten ab, ein unbewusstes Genießen. Man dachte sich eins mit der Natur und konnte selbst deren Gestalt annehmen: Man wurde zum Vogel, Fisch, zur Kiefer, zum Schmetterling – und Kiefer und Schmetterling wiederum verwandelten sich in einen selbst. Und dies hatte natürlich bedeutenden Einfluss auf das künstlerische Schaffen, auf die Ablehnung des bewussten Entwerfens und die Forderung nach „Natürlichkeit“, nach Ausleben des „Unbewussten“.
Wie verhält es sich nun mit der Ablehnung des bewussten, planenden Schaffens und der Betonung des Unbewussten?
Manieriertes, auf künstlerischen Entwürfen basierendes Arbeiten kann nicht zur höchsten Vollkommenheit führen. Es kann uns nicht zurückführen zu unseren ursprünglich vorhandenen großartigen Gefühlen.
Erst wenn Herz und Dingwelt zusammentreffen, stellt sich ein solches Gefühl ein. Dieses „shenyu“ „geistige Zusammentreffen“, diese Inspiration ist geboren aus dem Unbewussten, dem Unterbewussten, dem nicht wissentlich herbeigeführten.
Unverkennbar treten hier Dinge zutage, die über das unmittelbar empirisch erfassbare hinausweisen. Es lässt sich nicht durch die Wahrnehmung der zehntausend Dinge durch Auge und Ohr, aber auch nicht durch Sprache und logisches Denken allein verifizieren. Zhuangzi betont, dass dieses Bewusstmachen des Großen Dao die Grenzen empirischer Wahrnehmung durch die menschlichen Organe übersteigen muss. Gleichzeitig müssen die Fesseln der Normativen der Sprache überwunden werden. Über die Vorgänge Beobachten, Analysieren, Beurteilen kann nicht die Tür zur Vollkommenheit geöffnet werden. Das wahre Dao wird nicht erlebbar. Dies kann nur durch eine Annäherung über das Unbewusste geschehen. „Shenyu“, die Begegnung mit dem Geist, überwindet alle inneren und äußeren Schranken, der Einfluss von Ohr und Auge, Klang und Farbe, Sprache und Denken wird immer geringer, rückt in weite Fernen und verschwindet allmählich. Laozi forderte die Freimachung von jeglichem Denken, die Wiedererlangung kindlicher Unschuld. Im Ergebnis kommt es zu einem Austausch mit der Essenz von Himmel und Erde. Dies ist dann wahres Genießen,
wirkliches Schätzenkönnen. Einfach und natürlich, den roten Staub des irdischen
Alltags hinter sich lassend, die Erinnerung langsam ausdünnen, vergessen... Bei
bequemem Schuhwerk vergisst man die Füße, bei bequemem Gürtel die Hüfte...
Wenn wir mit dem „Geist“ in Berührung kommen, wenn unser Unbewusstes sich
Bahn bricht, dann werden wir unsere Existenz vergessen. Es ist, als ob wir uns Flügel ansteckten, die uns einen ungehinderten Flug ermöglichten.
Die natürliche Schönheit weckt in uns das Ursprüngliche und das Zukünftige.
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